Der Premium-Wein-Sekundärmarkt erfährt laut neuen Daten von Liv-ex, der führenden globalen Austausch- und Analyseplattform für den Handel mit Spitzenweinen, einen strukturellen Wandel.
Seit 2010 haben sich die Kaufmuster erheblich von der traditionellen Dominanz von Rotwein hin zu Weiß- und Schaumweinkategorien verschoben, was eine umfassendere Entwicklung im Sammlerverhalten, der Investitionsstrategie und den Konsumpräferenzen signalisiert.
Ein Jahrzehnt der Divergenz in der Marktentwicklung
Daten von Liv-ex zeigen einen auffälligen Kontrast in der Kategorieentwicklung über die letzten 15 Jahre. Der Handelswert von Weißweinen ist seit 2010 um etwa 650 % gestiegen, während Schaumweine im gleichen Zeitraum noch dramatischer um rund 1.100 % zulegten.
Im Gegensatz dazu stagnierten Rotweine – der langjährige Eckpfeiler des Sekundärmarktes für Spitzenweine. Bis 2025 lag der gesamte Handelswert in der Rotweinkategorie etwa 15 % unter dem Wert von 2010, was eher eine allmähliche Erosion der Dominanz als einen plötzlichen Zusammenbruch verdeutlicht.
Diese Verschiebung wird von Liv-ex nicht als kurzfristige Anomalie oder Reaktion auf isolierte Marktereignisse interpretiert, sondern als tiefgreifende strukturelle Neuausrichtung, wie Premiumweine ausgewählt, gehandelt und konsumiert werden.
Verändertes Anleger- und Verbraucherverhalten
Einer der Hauptantriebskräfte hinter dieser Verschiebung ist die Diversifizierung. Wo Rotweine einst die Portfolios aufgrund ihres Reifepotenzials und ihres Prestige-Status dominierten, verteilen Käufer ihre Allokationen nun auf eine breitere Palette von Stilen und Regionen.
Insbesondere Weißweine haben sich in Zeiten der Marktunsicherheit als widerstandsfähig erwiesen. Im Gegensatz zu volatileren Segmenten haben sie auch in Abschwungphasen relativ stabile Handelsniveaus beibehalten. Schaumweine erlebten unterdessen einen starken Anstieg während des Bullenmarktes der Pandemiezeit, gefolgt von einer Korrektur, sind aber strukturell immer noch stärker als vor einem Jahrzehnt.
Diese Divergenz spiegelt ein selektiveres und liquiditätsbewussteres Marktumfeld wider, in dem Käufer sowohl Prestige als auch Wiederverkaufbarkeit priorisieren.
Burgunds Aufstieg als Benchmark für Weißweine
Innerhalb der Weißweinkategorie hat sich der Burgunder als dominierende Kraft etabliert. Er ist effektiv zum Referenzpunkt für den Weißweinhandel auf Liv-ex geworden, angetrieben durch zwei gleichzeitige Trends: erhöhte Handelsvolumen zu erschwinglichen Preispunkten und starke Preisstabilität am oberen Ende des Marktes.
Dieser Aufstieg ging teilweise auf Kosten des Bordeaux. Seit 2011 ist der Wert der auf Liv-ex gehandelten Bordeaux-Weißweine um 17,6 % gesunken, wodurch der Burgunder ihn als führende Weißweinkategorie nach Wert auf dem Sekundärmarkt überholen konnte.
Die Verschiebung verdeutlicht nicht nur sich ändernde regionale Präferenzen, sondern auch eine Neudefinition dessen, was aus Sicht von Sammlern und Händlern einen „investmentfähigen“ Weißwein ausmacht.
Schnellere Konsumhorizonte prägen die Nachfrage
Laut Sophia Gilmour, Marktanalystin bei Liv-ex, ist ein Teil dieser strukturellen Verschiebung mit einem sich ändernden Konsumverhalten verbunden. Weißweine sind in der Regel früher trinkreif als Rotweine, was sie besser an moderne Kaufgewohnheiten anpasst.
Sie stellt fest, dass viele Käufer von Premiumweinen nicht mehr ausschließlich für die langfristige Lagerung kaufen. Stattdessen konzentriert sich ein wachsender Teil des Marktes auf Flaschen, die für den früheren Konsum bestimmt sind, was natürlich Weißburgunder und ähnlich gestylte Weine begünstigt.
Diese Verhaltensänderung spiegelt eine umfassendere Entwicklung in der Weinkultur wider: vom langfristigen Sammeln hin zu einem flexibleren, erlebnisorientierten Kaufverhalten.
Schaumweine: kurze Zyklen, starke Widerstandsfähigkeit
Schaumweine, insbesondere solche der Champagner-Kategorie, zeigen eine deutliche, aber verwandte Dynamik. Champagner profitiert von inhärent kürzeren Konsumzyklen, da diese Weine oft mit Blick auf eine kurzfristige Öffnung gekauft werden.
Diese Eigenschaft trug dazu bei, die Nachfrage während Marktabschwüngen aufrechtzuerhalten, selbst als andere Segmente mit reduzierter Liquidität und vorsichtigem Kaufverhalten konfrontiert waren. Obwohl Schaumweine nach ihrem Anstieg in der Pandemiezeit eine Korrektur erfuhren, bleibt ihre langfristige Entwicklung im Vergleich zu den Niveaus vor 2010 deutlich erhöht.
Ein selektiverer Luxusweinmarkt
Insgesamt deuten die Daten von Liv-ex auf einen nuancierteren und selektiveren Premiumweinmarkt hin. Käufer lassen sich nicht mehr allein von Tradition, Prestige oder langfristigem Alterungspotenzial leiten. Stattdessen sind Liquidität, Trinkfenster und Anpassungsfähigkeit zu zentralen Entscheidungsfaktoren geworden.
Während der Sekundärmarkt reift, bestimmen Kategorien wie Weißburgunder und Champagner zunehmend dessen Richtung, während Rotweine – obwohl immer noch wesentlich – nicht länger der unbestrittene Anker der Weininvestitionsaktivitäten sind.
Die Entwicklung deutet auf eine breitere Neuausrichtung des Luxusweins selbst hin: weniger statisch, dynamischer und zunehmend davon geprägt, wie und wann Weine tatsächlich konsumiert werden.
Quelle: Vinetur