Zum Jahresende 2023 wurden laut einer Studie des Observatorio Español del Mercado del Vino (OEMV) im gesamten globalen Weinsektor Alarm geschlagen.
Nach Jahren stetigen Wachstums im Weinhandel begann der Sektor einen Rückgang nicht nur im Volumen, sondern auch im Wert zu verzeichnen. Dies war eine bedeutende Veränderung, da der Wert von Wein selbst während der beiden großen Krisen der jüngeren Geschichte – der Finanzkrise von 2009 und der COVID-19-Pandemie – kontinuierlich gestiegen war.
Auswirkungen von COVID-19 auf den globalen Weinhandel
Während des Höhepunkts der COVID-19-Krise, von Februar bis Mai 2020, verzeichnete der weltweite Weinhandel innerhalb von nur drei Monaten einen Rückgang von 2,4 Millionen Hektolitern. Die wirtschaftlichen Folgen waren erheblich: Der Umsatz sank um 2,2 Milliarden Euro – von 31,9 Milliarden Euro im Februar 2020 auf 29,6 Milliarden Euro im Januar 2021. Der globale Weinmarkt zeigte sich jedoch bemerkenswert widerstandsfähig. Bereits im Dezember 2020 hatte sich das weltweit gehandelte Weinvolumen wieder auf das Niveau vor der Pandemie erholt (105,5 Millionen Hektoliter). Die Verkäufe wuchsen weiter und erreichten im Januar 2022 111,9 Millionen Hektoliter – eine maximale Wachstumsrate von 8,6 % vom Tiefpunkt während der Krise (Mai 2020) bis zum Höhepunkt Anfang 2022.
Die wertmäßige Erholung verlief jedoch aufgrund des Inflationsdrucks, der durch globale Faktoren wie das verlangsamte Wirtschaftswachstum, die Energiekrise und geopolitische Spannungen wie den Krieg in Russland sowie durch weinspezifische Herausforderungen wie Lieferengpässe verursacht wurde, etwas langsamer. Der Wert des weltweiten Weinhandels erholte sich erst im Mai 2021 vollständig, verzeichnete dann aber ein signifikantes Wachstum: Der Umsatz stieg um 28,6 % und erhöhte sich vom Tiefpunkt der Pandemie bis März 2023 um fast 6,2 Milliarden Euro.
Der jüngste Rückgang im globalen Weinhandel
Trotz des Wachstums nach der Pandemie gingen die weltweiten Weinexporte ab 2023 sowohl mengenmäßig als auch wertmäßig wieder zurück. Bis Mai 2024 sank der Wert des globalen Weinhandels auf 35,7 Milliarden Euro. Dies markierte eine deutliche Umkehr des Premiumisierungstrends, der seit 2009 trotz geringerer Handelsmengen zu höheren Preisen geführt hatte. Die Premiumisierung reduzierte zwar die Handelsmengen, ermöglichte es den Weinproduzenten aber, durch die Konzentration auf höherpreisige Weine von einem verbesserten Umsatz zu profitieren. Der gleichzeitige Rückgang von Wert und Menge im Jahr 2023 gibt der Branche jedoch Anlass zu großer Besorgnis.
Kurzfristige vs. langfristige Faktoren in der aktuellen Krise
Branchenexperten diskutieren derzeit, ob der Rückgang im Weinhandel ein langfristiger Trend oder eine kurzfristige Krise infolge des Wachstumsschubs nach der Pandemie ist. Die Situation ist nach wie vor komplex, doch die verfügbaren Daten ab Anfang 2024 deuten darauf hin, dass sowohl langfristige als auch kurzfristige Faktoren eine Rolle spielen. Ein wichtiger kurzfristiger Faktor ist die Überbestände, insbesondere in den Vereinigten Staaten, die maßgeblich zum jüngsten Einbruch des globalen Weinhandels beigetragen hat.
Die Rolle der USA im globalen Weinmarktrückgang
Die USA spielen eine entscheidende Rolle auf dem globalen Weinmarkt und repräsentieren wertmäßig 17 % und mengenmäßig fast 13 % des weltweiten Weinhandels. Damit sind die USA wertmäßig der größte und mengenmäßig der drittgrößte Weinmarkt. Entwicklungen auf dem US-Markt haben daher direkte Auswirkungen auf den Welthandel.
Zwischen Mitte 2021 und Mitte 2023 stiegen die US-Weinimporte sprunghaft an. Dies war Teil der Erholung nach der Pandemie, die den globalen Weinhandel beflügelte. Ab Mitte 2023 gingen diese Importe jedoch deutlich zurück. Der Rückgang der US-Weinimporte war der markanteste Faktor für den weltweiten Rückgang, obwohl auch andere wichtige Märkte wie Deutschland, Großbritannien und China – wenn auch langsamer – Verluste verzeichneten.
Die US-Weinimporte erlebten nach der Pandemie einen dramatischen Anstieg und erreichten bis März 2023 ein beispielloses Niveau von 14,35 Millionen Hektolitern. Wertmäßig war der Anstieg sogar noch beeindruckender: von 4,6 Milliarden Euro während des Höhepunkts der Pandemie auf 7,2 Milliarden Euro Anfang 2023 – ein Plus von mehr als 2,5 Milliarden Euro. Dieser Boom wurde durch eine Kombination aus gestiegenem Volumen und höheren Preisen angetrieben, was sowohl die gestiegene Nachfrage als auch den Inflationsdruck auf die Produktionskosten widerspiegelte.
Das Problem der Überbestände in den USA
Der anfängliche Anstieg der US-Weinimporte nach der Pandemie wurde zwar als positives Zeichen der Markterholung gewertet, führte aber auch zu Überbeständen. Diese zwischen 2021 und 2023 aufgebauten Überbestände belasten nun den US-Markt und tragen zum starken Rückgang der Importe ab Mitte 2023 bei. Der Weinkonsum in den USA ist zwar nicht signifikant gesunken, doch die übermäßige Lageranhäufung hat die Neuimporte verlangsamt, da die Händler ihre bestehenden Bestände abarbeiten müssen.
Die Zahlen für das erste Halbjahr 2024 deuten auf eine Stabilisierung der US-Weinimporte hin, wobei die Mengen zwischen Dezember 2023 und Juli 2024 bei etwa 12,26 bis 12,28 Millionen Hektolitern lagen. Dies lässt vermuten, dass der starke Rückgang der US-Importe eher eine vorübergehende Korrektur von Überbeständen als ein Zeichen sinkender Nachfrage war.
Schätzung des Überbestands auf dem US-Weinmarkt
Durch den Vergleich des tatsächlichen Importvolumens mit einem hypothetischen Szenario, in dem die Importraten nach der Pandemie den Trends vor der Pandemie entsprochen hätten, wird geschätzt, dass der US-Markt einen Überschuss von rund 2,16 Millionen Hektolitern angehäuft hat. Dieser über zwei Jahre aufgebaute Überschuss hat zu einem vorübergehenden Rückgang der Importe geführt, da die Händler ihre Lagerbestände abbauen.
Sollte sich diese Hypothese bestätigen, wird sich der Rückgang der US-Weinimporte in den kommenden Monaten – bei gleichbleibendem Weinkonsum – von selbst korrigieren. Spielen jedoch auch andere Faktoren wie veränderte Verbraucherpräferenzen oder die allgemeine Wirtschaftslage eine Rolle, könnte die Erholung langsamer oder weniger kräftig ausfallen als erwartet.
Fazit: Eine vorübergehende Krise oder ein Strukturwandel?
Die globale Weinbranche steht an einem Wendepunkt. Der jüngste Rückgang sowohl des Absatzvolumens als auch des Absatzwerts ist besorgniserregend, insbesondere nach Jahren stetigen Wachstums. Die Daten deuten jedoch darauf hin, dass der aktuelle Abschwung größtenteils auf kurzfristige Faktoren wie Überbestände in Schlüsselmärkten wie den USA zurückzuführen ist. Anhaltende globale wirtschaftliche Herausforderungen und veränderte Verbraucherpräferenzen könnten jedoch einen längerfristigen Wandel im Weinhandel ankündigen. Die kommenden Monate werden entscheidend dafür sein, ob es sich um eine vorübergehende Krise oder den Beginn eines tiefgreifenderen Wandels in der globalen Weinindustrie handelt.
Quelle: OEMV