Laut einem Bericht von Vinetur, der historische Schätzungen, von Experten geprüfte Prognosen und Szenario-Modelle der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kombiniert, wird der weltweite Alkoholkonsum bis 2030 voraussichtlich moderat ansteigen.
Als Vergleichswert dient der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol (PCA) bei Personen ab 15 Jahren, gemessen in Litern pro Jahr – ein Standardindikator in der internationalen öffentlichen Gesundheit und Marktanalyse.
Vom Pandemieschock zur Erholung
2019 lag der weltweite Pro-Kopf-Verbrauch bei 5,8 Litern. Die COVID-19-Pandemie führte zu einem drastischen Rückgang: Bis 2020 sank der Verbrauch auf 4,9 Liter pro Person – ein Minus von 11,1 %. Lockdowns, Schließungen der Gastronomie, Mobilitätseinschränkungen und veränderte soziale Verhaltensweisen beeinträchtigten sowohl den Außer-Haus- als auch den Einzelhandel erheblich.
Bis 2023 scheint sich der weltweite Konsum jedoch wieder auf das Niveau vor der Pandemie erholt zu haben, was auf die wirtschaftliche Wiederöffnung, die Normalisierung der sozialen Aktivitäten und die Wiederaufnahme des internationalen Tourismus zurückzuführen ist.
Szenarien für 2030: Wachstum oder Stabilisierung?
Die Prognosen für 2030 variieren je nach wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen:
- Mittleres Szenario: 6,7 Liter pro Person
- Szenario mit hohem Wachstum (getrieben durch BIP und Urbanisierung): 7,6 Liter
- Szenario mit politischen Beschränkungen (Preisgestaltung, Verfügbarkeit, Marketingkontrollen): 5,2 Liter
Diese Szenarien verdeutlichen das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Wo Einkommenswachstum und Urbanisierung zunehmen, steigt tendenziell auch der Konsum. Umgekehrt können höhere Verbrauchssteuern, strengere Verfügbarkeitsregeln und Marketingbeschränkungen das Wachstum bremsen – allerdings mitunter mit unbeabsichtigten Folgen.
Weltweites Gesamtvolumen: Bevölkerungszahlen spielen eine Rolle
Selbst moderate Pro-Kopf-Steigerungen führen aufgrund des globalen demografischen Wachstums zu einem erheblichen Mengenwachstum.
- Geschätzter weltweiter Konsum von reinem Alkohol im Jahr 2023: 35,1 Milliarden Liter
- Reduktionsszenario 2030: 33,8 Milliarden Liter
- Zentrale Schätzung für 2030: 43,6 Milliarden Liter
- Szenario mit hohem Wachstum im Jahr 2030: 49,4 Milliarden Liter
Das Bevölkerungswachstum im Erwachsenenalter ist daher ebenso einflussreich wie Veränderungen pro Kopf. Urbanisierung und Modernisierung verstärken den Zugang und die Exposition zusätzlich, insbesondere in Entwicklungsländern.
Regionale Divergenz
Der globale Durchschnitt verschleiert erhebliche regionale Unterschiede:
Europa bleibt die Region mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch, obwohl langfristige Trends auf einen allmählichen Rückgang hindeuten.
Asien , insbesondere Südostasien und der Westpazifik, dürfte das stärkste Wachstum verzeichnen. Steigende Einkommen, eine wachsende Mittelschicht und die Landflucht tragen maßgeblich dazu bei.
In Nord- und Südamerika wurde 2019 ein Durchschnittsverbrauch von 7,6 Litern pro Kopf verzeichnet – über dem globalen Durchschnitt – wobei es zwischen Nord- und Lateinamerika unterschiedliche Muster gab.
Im Nahen Osten wird aufgrund kultureller Normen und regulatorischer Beschränkungen mit einem weiterhin niedrigen Niveau gerechnet.
Länderausblick bis 2030
Die Prognosen deuten auf bemerkenswerte Unterschiede zwischen den wichtigsten Märkten hin:
- Russland und Deutschland : ~10 Liter pro Kopf
- Vereinigte Staaten : ~9,3 Liter
- China und Japan : 8–9 Liter
- Indien : ~5,5 Liter
- Brasilien und Mexiko : 5,6–7,1 Liter
- Nigeria : ~9,2 Liter
Diese Zahlen spiegeln eine Kombination aus demografischem Wachstum, wirtschaftlicher Dynamik, regulatorischen Rahmenbedingungen und kultureller Akzeptanz wider.
Die Rolle von nicht registriertem Alkohol
Die Gesamtverbrauchsschätzungen umfassen:
- Registrierte Verkäufe
- Selbst hergestellter oder illegaler Alkohol
- Anpassungen für Tourismusströme
Der Anteil nicht registrierter Alkoholika kann in bestimmten Märkten erheblich sein und ist nach wie vor schwer genau zu erfassen. Eine Verschärfung der Vorschriften könnte zwar den legalen Absatz reduzieren, aber bei schwachen Kontrollmechanismen unbeabsichtigt die informelle Produktion erhöhen.
Die WHO berücksichtigt bei der Modellierung der Ergebnisse Steuerniveau, Durchsetzungskapazitäten und Gesetze gegen illegale Produktion. Die Fehlermargen bleiben jedoch groß, insbesondere in Ländern ohne einheitliche statistische Berichterstattung.
Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und die Politik
Der Bericht warnt davor, dass ohne verstärkte Präventionsmaßnahmen der Gesamtverbrauch – und die damit verbundenen gesundheitlichen Belastungen – zunehmen könnten, insbesondere in Ländern mit weniger widerstandsfähigen Gesundheitssystemen.
Höhere Verbrauchssteuern, Marketingbeschränkungen und Verfügbarkeitskontrollen können das Wachstum dämpfen, müssen aber zusammen mit einer wirksamen Aufsicht eingeführt werden, um eine Ausweitung des informellen Sektors zu verhindern.
Datenbeschränkungen und strukturelle Unsicherheit
Es bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten:
- Unvollständige Daten zu nicht registriertem Alkohol
- Große Fehlermargen bei Tourismusanpassungen
- Lücken in den aktualisierten statistischen Reihen für bestimmte Länder
Trotz dieser Einschränkungen zeichnet sich ein breiter Konsens ab:
- Europa: hoher, aber allmählich rückläufiger Konsum
- Asien: bemerkenswerter Wachstumskurs
- Naher Osten: anhaltend niedrige Werte
Das Ausmaß des globalen Wandels bis 2030 wird von zwei dominanten Kräften abhängen: der Dynamik des Wirtschaftswachstums und der Wirksamkeit der in diesem Jahrzehnt eingeführten regulatorischen Eingriffe.
Im Wesentlichen befindet sich der globale Alkoholmarkt an einem demografischen und politischen Scheideweg. Ein moderates Wachstum erscheint wahrscheinlich, doch die Ergebnisse werden regional stark variieren – geprägt von Bevölkerungstrends, wirtschaftlicher Modernisierung und dem sich wandelnden Gleichgewicht zwischen Marktexpansion und gesundheitspolitischen Regulierungen.
Quelle: Vinetur