Die italienische Lebensmittel- und Getränkeindustrie, die lange Zeit eine Säule der nationalen Identität und Wirtschaftskraft war, steht vor einer turbulenten Zeit.
Laut dem Bericht „Roadmap of the Future for Food & Beverage“ von The European House – Ambrosetti aus dem Jahr 2025 belasten drei miteinander verknüpfte Krisen – Energieinflation, steigende Rohstoffkosten und Arbeitskräftemangel – die Branche erheblich. Unternehmen setzen zunehmend auf Nachhaltigkeit, nicht nur aus ethischer Überzeugung, sondern auch, weil die Verbraucher dies fordern. Dieser Wandel verläuft jedoch alles andere als reibungslos.
Die dreifache Bedrohung: Energie, Rohstoffe und Arbeitskräfte
Der starke Anstieg der Energiekosten bleibt der einflussreichste Faktor und betrifft 62,4 % der Unternehmen. Dieser Trend ist im Lebensmittelsektor noch deutlicher ausgeprägt: Hier berichten 18,5 % mehr Unternehmen als im Getränkesektor von Schwierigkeiten. Der Inflationsdruck bei Rohstoffen folgt dicht dahinter und betrifft 46,6 % der Unternehmen – insbesondere KMU. Der Arbeitskräftemangel, der von fast einem Viertel (24,7 %) der Befragten genannt wurde, hat sich als größte Sorge erwiesen und wird ab 2024 voraussichtlich um über 9 % steigen.
Während diese Probleme dominieren, bleiben andere im Hintergrund bestehen: Klimawandel, Rohstoffverfügbarkeit, geldpolitische Instabilität und geopolitische Spannungen beeinträchtigen allesamt den täglichen Betrieb.
Ein Sektor am Rande
Die kumulative Wirkung dieser „Polykrisen“ – von der Pandemie bis hin zu extremen Wetterereignissen – hat dazu geführt, dass sich 36,5 % der Akteure im Agrar- und Lebensmittelsektor Sorgen um die Zukunft ihres Unternehmens machen (Stand: 2024). In Süditalien und auf den Inseln steigt dieser Wert sogar auf 45,4 %. Am stärksten betroffen sind die Teilbranchen Obst und Gemüse (90 % der betroffenen Unternehmen), Milchprodukte (72,6 %) und Fleisch (62,9 %).
Angesichts dieser Unsicherheit haben fast 20 % der Unternehmen neue Anpassungsstrategien eingeführt, insbesondere durch Prozessinnovationen (37,7 %) und Produktinnovationen (36,8 %) . Immer mehr Unternehmen legen zudem Wert auf Nachhaltigkeit : 64 % verfolgen oder planen aktiv Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Nachhaltigkeitsstrategie. Bei großen Unternehmen (mit mehr als 250 Mitarbeitern) liegt dieser Anteil sogar bei 100 %.
Das Nachhaltigkeitsdilemma: Wachstum vs. Kosten
Nachhaltigkeit mag das Schlagwort des Jahrzehnts sein, doch sie mit Rentabilität in Einklang zu bringen, bleibt eine gewaltige Herausforderung. Die meisten Unternehmen priorisieren Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft , doch die Hürden sind beträchtlich. Dazu gehören hohe Technologiekosten (31,8 %), übermäßig komplexe Vorschriften (28 %), Finanzierungslücken (17,7 %) und ein Mangel an Fachkräften (10,7 %).
Trotz der weit verbreiteten Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit eine zentrale Erwartung der Verbraucher sein wird – insbesondere im Getränkesektor, wo 60 % der Unternehmen eine steigende Nachfrage verzeichnen – besteht ein eklatanter Widerspruch: 37 % der Unternehmen berichten, dass die Verbraucher nicht bereit sind, mehr für nachhaltige Produkte zu bezahlen .
Verbrauchertrends: Ein Wandel hin zu lokal, transparent und erschwinglich
Die Konsumlandschaft im Jahr 2025 wird von starken Präferenzen für Folgendes geprägt sein:
- Hergestellt in Italien (+7,5 %)
- Produkte ohne Kilometerbegrenzung (+7,8 %)
- Unverzichtbare und preisgünstige Artikel (+4,6 %)
- Produktrückverfolgbarkeit (+10,7 %)
Auch Bio-, Premium- und Eigenmarkenprodukte verzeichnen ein Wachstum, wenn auch langsamer. Die Preissensibilität der Verbraucher bleibt jedoch hoch. In Branchen wie Fisch (87,4 %) und Milchprodukten (75,5 %) berichten Unternehmen überwiegend, dass Käufer nicht bereit sind, für Nachhaltigkeit einen Aufpreis zu zahlen. Lediglich die Fleischbranche (52,8 %) bildet hier eine Ausnahme und zeigt eine wachsende Bereitschaft zu höheren Kosten.
Institutionelle Unterstützung: Zu wenig, zu vage
Lediglich 14,6 % der befragten Unternehmen halten nationale oder EU-Richtlinien für ausreichend, um nachhaltige und gleichzeitig wettbewerbsfähige Praktiken zu fördern. Branchen wie Fisch (97,1 %), Obst und Gemüse (96,9 %) sowie Fleisch (95 %) sind besonders kritisch. Es besteht ein starker Ruf nach einer klareren und umfassenderen institutionellen Unterstützung.
Was Unternehmen von der Regierung wollen:
- Anreize mit Fokus auf Nachhaltigkeit (31 %)
- Antiinflationsmaßnahmen (25%)
- Bessere Rückverfolgbarkeitssysteme (22 %)
Fazit: Der Weg vor uns
Die italienische Lebensmittel- und Getränkeindustrie steht an einem Wendepunkt. Nachhaltigkeit ist nicht länger optional – sie ist ein Gebot der Stunde für Verbraucher und den Planeten. Unternehmen befinden sich jedoch in einem finanziellen Dilemma: Innovationen sind unerlässlich, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Dabei dürfen sie nicht erwarten, dass die Verbraucher die Kosten tragen. Ohne gezielte und wirksame Unterstützung von Institutionen und eine kooperative Strategie entlang der gesamten Lieferkette bleibt die Zukunftsfähigkeit der Branche gefährdet.
Quelle: WineNews